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Baumpflege20. September 202610 Min LesezeitZuletzt aktualisiert: 20. September 2026

DGUV Regel 114-610: Dokumentationspflichten in der Baumpflege

Was die DGUV-Regel für Baumpflege-Betriebe verlangt: PSA-Prüfungen, SKT-Zertifikate, AS-Baum-Qualifikationen, Unterweisungen, G41-Vorsorge, BetrSichV, BG-Regress-Beispiele und persönliche Strafhaftung des Unternehmers.

Baumpfleger mit Sicherheitsausrüstung beim Klettern
Foto: Henk Schuurmans / Pexels

Bei einem schweren Arbeitsunfall ohne saubere Dokumentation droht der Regress der Berufsgenossenschaft — in dokumentierten SVLFG-Fällen zwischen 80.000 € und 850.000 € — plus Strafverfahren gegen den Unternehmer persönlich nach §§222, 229 StGB. Die SVLFG meldet für 2023 in der Baumpflege 2.847 meldepflichtige Arbeitsunfälle, davon 11 tödliche — fast jeder vierte mit Mängeln in der Doku-Kette. Die DGUV Regel 114-610 ist trocken zu lesen, aber im Ernstfall entscheidet sie über die Existenz des Betriebs und die persönliche Freiheit des Unternehmers. Hier sind die sechs Dokument-Klassen, die zwingend lückenlos vorliegen müssen, der konkrete Unfall-Verlauf, BG-Regress-Beispiele und die persönliche Strafhaftung.

Unfall im Einsatz: Ein Mitarbeiter rutscht beim Klettern in 12 m Höhe ab, das Auffangsystem hält ihn — aber er bricht sich Wirbel und Becken. Drei Wochen Klinik, sechs Monate Reha, anschließend Erwerbsminderungsrente. Die SVLFG kommt zwei Tage nach dem Unfall, will sehen: SKT-Zertifikat, PSA-Prüfprotokoll (jährlich), Unterweisungs-Nachweis (jährlich), Gefährdungsbeurteilung für den konkreten Einsatz, G41-Vorsorge-Untersuchung. Du hast das alles — aber irgendwo. Drei Ordner im Büro, ein paar Mails im Postfach, einige PDFs auf dem Server. Eine Woche später schreibt die SVLFG: "Die vorgelegten Dokumente sind unvollständig. Letzte PSA-Prüfung 14 Monate her, Unterweisung zur SKT vor 18 Monaten, Gefährdungsbeurteilung allgemein vorhanden aber nicht auf den konkreten Einsatz bezogen." Damit beginnt der Regress.

Die DGUV Regel 114-610 im Überblick

Arbeitsschutz-Regelwerk
Seit Juni 2020 ersetzt die Regel 114-610 die alte 114-017. · Foto: Mikael Blomkvist / Pexels

Seit Juni 2020 ersetzt die DGUV Regel 114-610 "Branche Grün- und Landschaftspflege" die alte Regel 114-017. Sie deckt Arbeitsschutz für Gärtner, Landschaftspfleger und Baumpfleger ab. Bei reiner Forstarbeit (Holzernte, Forstbetriebe) gilt zusätzlich oder ausschließlich die DGUV Vorschrift 50 (UVV Forst) — wer beides macht, muss beide Regelwerke kennen.

Kapitel-Struktur der DGUV 114-610 (Schwerpunkte für Baumpflege)

  • Kapitel 3.1: Allgemeine Anforderungen, Gefährdungsbeurteilung
  • Kapitel 3.7: Motorbetriebene Handmaschinen (Motorsäge, Heckenschere)
  • Kapitel 3.9: Arbeiten in der Höhe (kritischster Bereich für Baumpfleger)
  • Kapitel 3.10: Verkehrssicherung und Absturzsicherung
  • Kapitel 3.13: Biologische Gefährdungen (Wespen, Eichenprozessionsspinner, Borreliose)
  • Kapitel 4: Persönliche Schutzausrüstung
  • Kapitel 5: Arbeitsmedizinische Vorsorge

Zentrales Prinzip: T-O-P — zuerst Technische, dann Organisatorische, zuletzt Personenbezogene Maßnahmen. Wenn du eine Gefahr durch Technik (sicherere Maschinen, Schutzeinrichtungen) lösen kannst, ist das erste Wahl. Erst danach kommen organisatorische Maßnahmen (Arbeitsabläufe), zuletzt persönliche Schutzausrüstung.

Abgrenzung zu anderen Regelwerken

TätigkeitDGUV 114-610DGUV V50 (Forst)BetrSichVArbSchG
Baumpflege im PrivatgartenHauptregelwerkNeinMaschinen-TeilImmer (Grundgesetz)
Verkehrssicherungs-SchnittJaNeinMaschinen-TeilImmer
Holzernte im WaldEingeschränktHauptregelwerkMaschinen-TeilImmer
Friedhofs-BaumpflegeHauptregelwerkNeinMaschinen-TeilImmer
Sturmschadenbeseitigung PrivatHauptregelwerkNeinMaschinen-TeilImmer
Sturmschadenbeseitigung WaldEingeschränktHauptregelwerkMaschinen-TeilImmer
GaLaBau ohne BäumeJa (3.1-3.8)NeinMaschinen-TeilImmer

SVLFG-Unfallstatistik Baumpflege 2023

Bevor wir zur Pflicht kommen — ein nüchterner Blick auf die Realität:

  • 2.847 meldepflichtige Arbeitsunfälle in der Baumpflege (Sozialversicherung Landwirtschaft, Forst, Gartenbau)
  • 11 tödliche Unfälle (Quelle: SVLFG-Jahresbericht 2023)
  • Hauptursachen Top 5:
    1. Absturz aus Bäumen (38 %)
    2. Schnittverletzungen durch Motorsägen (24 %)
    3. Getroffen durch fallende Äste/Bäume (18 %)
    4. Stolpern/Umknicken am Boden (11 %)
    5. Maschinen-Quetschungen (Häcksler, Kran) (5 %)
  • 23 % der ermittelten Unfälle wiesen Dokumentations-Mängel auf, die zu Regress-Verfahren führten
  • Durchschnittliche Behandlungskosten pro schwerem Unfall: ca. 80.000-150.000 €
  • Bei Erwerbsminderungsrente: kumuliert oft 400.000-850.000 € über 30 Jahre

Pflicht-Dokumentation: Sechs Klassen im Detail

DokumentRechtsgrundlageIntervallWer prüftAufbewahrung
Gefährdungsbeurteilung§5 ArbSchGFortlaufend, bei ÄnderungenUnternehmer/FachkraftMindestens 30 Jahre
Unterweisungs-Nachweise§12 ArbSchGJährlich, bei NeueinstellungUnternehmer/Vorarbeiter6 Jahre
SKT-A/B-ZertifikatDGUV 114-610 + SVLFGAlle 3 Jahre erneuernSVLFG-anerkannte StelleDauerhaft
Motorsägen-ScheinDGUV V50 / 114-610Modul-abhängigDEULA, ForstkasseDauerhaft
AS-Baum I/IIDGUV 114-610Bei Neuerung der QualifikationAnerkannte SchuleDauerhaft
PSA-Prüfprotokoll (Klettergurt etc.)DGUV 112-198 + TRBS 1203JährlichSachkundigerMindestens bis Aussonderung +5 Jahre
Maschinen-PrüfungDGUV V3 + 100-500Meist jährlichBefähigte PersonBis nächste Prüfung +1 Jahr
Hubsteiger-TÜVBetrSichVJährlichTÜV/Dekra/SVLFGBis nächste Prüfung
G41-Vorsorge (Absturzgefahr)ArbMedVVErstuntersuchung + alle 36 MonateBetriebsarztBis Beschäftigungsende +5 Jahre
G25-Vorsorge (Fahr-/Steuertätigkeit)ArbMedVVAlle 36-60 MonateBetriebsarztBis Beschäftigungsende +5 Jahre
Erste-Hilfe-AusbildungDGUV V1Auffrischung alle 2 JahreAnerkannte StelleBis nächste Auffrischung

1. Gefährdungsbeurteilung (§5 ArbSchG)

Pflicht nach §5 ArbSchG für jeden Arbeitgeber — auch Solo-Selbstständige mit einem Mini-Job-Mitarbeiter, völlig unabhängig von der Betriebsgröße. In der Baumpflege betrifft das:

  • Arbeiten in der Höhe (DGUV Regel 114-610 Kap. 3.9): Klettern, Hubsteiger, Leitern
  • Motorsägen-Einsatz (Kap. 3.7): Schneidetechnik, Rückschlag, PSA
  • Seilklettertechnik (Kap. 3.9): Anschlagpunkte, Sicherungsmaßnahmen
  • Verkehrsraum-Sicherung (Kap. 3.10): RSA 21, Absperrung
  • Biologische Gefährdungen (Kap. 3.13): Wespen, Eichenprozessionsspinner (EPS), Borreliose-Zecken
  • Witterungs-Gefährdungen: UV, Hitze, Kälte, Sturm

Die Gefährdungsbeurteilung ist nicht einmalig — sie wird fortgeschrieben bei neuen Tätigkeiten, neuen Maschinen, neuen Mitarbeitern. Bei jedem Auftrag gehört eine kurze auftragsbezogene GBU dazu — Stichwort: "Baum-Check vor Beginn". Beim Fäll-Aufmaß wird das praktisch geübt.

Struktur einer GBU nach BAuA-Empfehlung:

  1. Tätigkeit beschreiben
  2. Gefährdungen identifizieren
  3. Risiko bewerten (Eintrittswahrscheinlichkeit × Schadensschwere)
  4. Maßnahmen festlegen (T-O-P-Prinzip)
  5. Wirksamkeit kontrollieren
  6. Dokumentieren mit Datum und Unterschrift

2. Unterweisungs-Nachweise (§12 ArbSchG)

Mitarbeiter müssen mindestens jährlich zu Arbeitsschutz unterwiesen werden, in bestimmten Bereichen häufiger (z.B. vor Erstausführung einer neuen Tätigkeit, bei Neueinstellung). Pflicht:

  • Wer wurde unterwiesen (Liste mit Namen)
  • Wann (Datum)
  • Worüber (Themen, mindestens 5-10 Stichworte)
  • Wer hat unterwiesen (Name und Qualifikation)
  • Unterschrift der Teilnehmer (handschriftlich oder qualifiziert digital)

Typische Themen pro Unterweisung (jährlich):

  • Allgemeine Sicherheitsregeln im Betrieb
  • Verhalten bei Unfällen (Erste-Hilfe-Telefon, Rettungskette)
  • PSA-Pflicht und korrektes Anlegen
  • Motorsägen-Sicherheit, Rückschlag, Schnitttechnik
  • Klettertechnik und Anschlagpunkte
  • Verhalten bei Wespen/EPS-Befall
  • Pausen-/Erholungs-Regeln (Hitze, Kälte)

3. Qualifikations-Nachweise

Schulungs-Zertifikat
SKT, Motorsäge, Sachkunde, Erste-Hilfe — alle mit Ablaufdaten. · Foto: Nacho Gomez / Pexels

Pflicht für bestimmte Tätigkeiten:

QualifikationInhaltAnerkennungDauer SchulungAuffrischung
Motorsägen-Schein AEinführung Motorsäge, einfache SchnitteDEULA, Forstkasse, SVLFG2 TageDauerhaft, Auffrischung empfohlen
Motorsägen-Schein BFällen von SchwachholzDEULA, Forstkasse3-5 TageAuffrischung alle 5 Jahre empfohlen
Motorsägen-Schein CFällen Starkholz, AufarbeitenDEULA, Forstkasse5 TageAuffrischung alle 5 Jahre empfohlen
SKT-A (Seilklettertechnik Grundlagen)Klettertechnik, SicherungSVLFG-anerkannt5 TageAlle 3 Jahre erneuern
SKT-B (fortgeschritten)Komplexe Klettertechnik, RettungSVLFG-anerkannt5 TageAlle 3 Jahre erneuern
AS-Baum IFLL-Zertifizierter BaumpflegerFLL-Anerkennung2-3 Wochen + PrüfungEmpfohlen alle 5 Jahre
AS-Baum IIEuropean Tree Worker (ETW)FLL + EAC2-3 Wochen + PrüfungEmpfohlen alle 5 Jahre
European Tree Technician (ETT)Sachverständiger-NiveauEACMehrwöchige Ausbildung-
Sachkunde PflanzenschutzAnwendung PflanzenschutzmittelLandwirtschaftskammer2-3 TageAlle 3 Jahre Fortbildung
Erste-Hilfe OutdoorErste Hilfe inkl. HöhenrettungAnerkannte Stelle9 UEAlle 2 Jahre auffrischen
G41-VorsorgeArbeitsmed. Eignung HöheBetriebsarztUntersuchungAlle 36 Monate

Alle Zertifikate haben Ablaufdaten oder Auffrischungs-Pflicht. SKT muss alle drei Jahre erneuert werden, G41 alle 36 Monate. Wer mit abgelaufenem Schein arbeitet, hat im Schadensfall ein massives Problem.

4. PSA-Prüfprotokolle (DGUV 112-198 + TRBS 1203)

Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (Klettergurt, Karabiner, Seile, Helm, Steigeisen) muss mindestens jährlich durch eine sachkundige Person nach TRBS 1203 geprüft werden. Pflicht:

  • Datum der Prüfung
  • Wer hat geprüft (mit Qualifikation: TRBS 1203 Sachkunde-Schein)
  • Welche Ausrüstung (Hersteller, Modell, Seriennummer, Herstelldatum)
  • Ergebnis (frei / Mangel / aussondern)
  • Nächste Prüfung fällig am
  • Foto-Dokumentation kritischer Punkte (Gurt-Nähte, Karabiner-Verschluss, Seilseele)

Ablauf einer Jahres-PSA-Prüfung:

  1. Sichtprüfung jedes Teils
  2. Funktions-Prüfung (Karabiner, Steigeisen, Gurtschlösser)
  3. Materialprüfung (UV-Schäden, mechanische Schäden, Schimmel)
  4. Dokumentation mit Foto und Sachkunde-Stempel
  5. Auswechseln defekter Teile
  6. Neue Seriennummer ins Inventar

5. Maschinen-Prüfung (DGUV V3 + DGUV 100-500)

Motorsägen, Hubsteiger, Kran, Häcksler, elektrische Geräte — alles wiederkehrend prüfpflichtig nach DGUV Vorschrift 3 (elektrische Anlagen) und DGUV Regel 100-500 (Arbeitsmittel). Intervalle:

  • Motorsägen: jährliche Sichtprüfung, alle 1.000 Bh Werkstatt-Service
  • Hubsteiger: jährlich TÜV/befähigte Person
  • Kran/Ladekran: jährlich Sachkundigen-Prüfung
  • Häcksler: jährlich, bei Sicherheits-Einrichtungen halbjährlich
  • Elektrische Handgeräte: alle 6-24 Monate je nach Einsatz (BetrSichV)

Dokumentation pro Maschine: wann geprüft, durch wen, Ergebnis, nächste Prüfung fällig, Mängelliste mit Erledigungs-Datum. Bei TÜV-pflichtigen Geräten (Hubsteiger): Sticker am Gerät + Doku in der Akte.

6. Vorsorgeuntersuchungen (ArbMedVV)

Je nach Tätigkeit verpflichtende arbeitsmedizinische Vorsorge:

  • G41 — Arbeiten mit Absturzgefahr: Pflicht-Vorsorge für SKT und Hubsteiger, alle 36 Monate, erweiterte Untersuchung (Kreislauf, Sehkraft, Schwindel)
  • G25 — Fahr-, Steuer- und Überwachungstätigkeit: für LKW-Fahrer, Kran-Bediener, alle 36-60 Monate
  • G42 — Tätigkeit mit Infektionsgefahr: bei EPS-Risiko, Tetanus-Schutz, Borreliose-Aufklärung
  • G46 — Belastung des Muskel-Skelett-Systems: für Schwerstarbeit, individuell
  • Lärm-Vorsorge G20: bei Motorsägen-Einsatz > 85 dB

Wichtig: Pflicht-Vorsorge ist nicht freiwillig — wer sie verweigert, darf die Tätigkeit nicht ausführen. Aber: Eignungs-Beurteilung ist Arbeitgeber-Frage, nicht Betriebsarzt-Frage (AGG-rechtlich heikel).

Persönliche Strafhaftung des Unternehmers

Drei Eskalationsstufen bei Verletzung der Arbeitsschutz-Pflichten:

Stufe 1 — Beitragsbescheid (BG-intern)

Die BG erhöht deinen Beitrag im Folgejahr (Erfahrungs-Bonus / Malus). Bei 50 % Belastungssprung wäre das bei einem 3-Mann-Baumpflege-Betrieb mit 7.500 € Jahresbeitrag ca. +3.750 €/Jahr, mehrere Jahre wirksam.

Stufe 2 — Regress der BG nach §110 SGB VII

Wenn die BG nachweist, dass der Unfall durch Verletzung von Arbeitsschutzpflichten entstanden ist, fordert sie Behandlungskosten und Rentenleistungen vom Unternehmer zurück. Dokumentierte SVLFG-Fälle:

  • Sturz aus 9 m Höhe wegen abgelaufener PSA-Prüfung (2022): 312.000 € Regress (Behandlung + Erwerbsminderungsrente Hochrechnung)
  • Motorsägen-Verletzung ohne Schnittschutzhose (2021): 86.000 € Regress (Operations- und Reha-Kosten)
  • Tödlicher Sturz beim Klettern ohne SKT-Zertifikat (2020): 847.000 € Regress (Hinterbliebenenrente Witwe + 2 Kinder bis zur Volljährigkeit)
  • Häcksler-Verletzung ohne Sicherheits-Einweisung (2023): 148.000 € Regress (Amputation Finger + Reha + Berufsumschulung)

Stufe 3 — Strafrechtliches Verfahren (StGB)

Bei grober Fahrlässigkeit kann der Unternehmer persönlich strafrechtlich verfolgt werden:

  • §229 StGB — Fahrlässige Körperverletzung: Geldstrafe bis 3 Jahre Haft (bei schweren Folgen)
  • §222 StGB — Fahrlässige Tötung: Geldstrafe bis 5 Jahre Haft
  • §13 OWiG: Unternehmer haftet auch bei Delegation, wenn er Aufsichtspflicht verletzt hat
  • §130 OWiG: Aufsichtspflicht-Verletzung mit Geldbuße bis 1 Mio. €

Bei Todesfällen leitet die Staatsanwaltschaft praktisch immer ein Verfahren ein. Verfahrenseinstellung gegen Geldauflage 5.000-50.000 € ist häufig, Verurteilung bei groben Verstößen ebenfalls dokumentiert. Die Dokumentation ist deine wichtigste Verteidigung — sie zeigt: Du hast deine Pflichten ernst genommen, der Unfall passierte trotz korrekter Maßnahmen.

Eng verwandt: Arbeitsbericht Baumpflege FLL und Verkehrssicherungspflicht digital dokumentieren.

Praxis-Fall: Wie ein BG-Regress abläuft

Unfall-Untersuchung am Arbeitsplatz
Acht Wochen vom Unfall bis zur Regress-Forderung — der typische Verlauf. · Foto: cottonbro studio / Pexels

Damit Baumpfleger eine Vorstellung haben, wie real das ist — hier ein typischer dokumentierter Verlauf:

Tag 0 — Unfall: Monteur stürzt aus 8 m Höhe, Kletter-Hänger hält ihn, aber er bricht sich Becken. RTH-Einsatz, Klinik.

Tag 1 — Unfallanzeige: Unternehmer meldet der SVLFG den Unfall (gesetzliche Pflicht innerhalb 3 Tagen bei Ausfall > 3 Tage).

Tag 3-7 — Erste SVLFG-Anforderung: SVLFG schreibt Unternehmer an, fordert:

  • Gefährdungsbeurteilung für den Einsatz
  • SKT-Zertifikate des Verunfallten und der Kolleginnen
  • PSA-Prüfprotokoll
  • Unterweisungs-Nachweis letzten 12 Monate
  • G41-Vorsorge-Nachweis
  • Auftragsbeschreibung

Tag 14-30 — Vor-Ort-Termin: SVLFG-Aufsichtsperson kommt in den Betrieb, prüft die Dokumente, interviewt Kollegen und Unternehmer. Macht sich Aktenkopien.

Tag 30-60 — Bewertungs-Phase: SVLFG bewertet, ob alle Pflichten erfüllt waren. Wenn Lücken (z.B. PSA-Prüfung 14 Monate her statt 12), fordert sie schriftliche Stellungnahme.

Tag 60-90 — Regress-Bescheid: Bei festgestellter Pflichtverletzung kommt der Regress-Bescheid. Kann ratenweise gezahlt werden, aber: bei Erwerbsminderungsrente kumuliert die Forderung über Jahrzehnte.

Tag 90+ — Strafrechtliches Parallelverfahren: Bei groben Verstößen leitet die Staatsanwaltschaft ein. Hier hilft nur ein guter Fachanwalt für Strafrecht.

Das Ergebnis hängt zu 80 % an der Dokumentation. Wer beim SVLFG-Termin am Tag 14 alle Dokumente in 10 Minuten vorlegt, kommt meist mit Stufe 1 davon. Wer in fünf Ordnern wühlen muss, eskaliert oft zu Stufe 2 oder 3.

Praktische Empfehlungen für die Doku-Organisation

Pro Mitarbeiter ein digitaler Ordner. Mit allen Scheinen, Prüfungs-Nachweisen, Unterweisungs-Bestätigungen. Ablaufdaten als Erinnerung 4-12 Wochen vor Fälligkeit.

Pro Maschine ein Wartungsplan. Hubsteiger TÜV, Motorsäge jährlich, Häcksler nach Herstellervorgabe, elektrische Geräte BetrSichV.

Pro Auftrag eine GBU-Kurzfassung. 5-10 Punkte auf dem Arbeitsbericht: Hauptgefährdungen, Schutzmaßnahmen, Notfall-Telefon. Beim FLL-Arbeitsbericht integriert.

Jährlicher Schutz-Tag. Einmal im Jahr alle Mitarbeiter zusammen für Unterweisung, PSA-Check, Auffrischung. Spart Zeit gegenüber Einzel-Terminen.

SVLFG-Sammel-Akt-Folder. Wenn die SVLFG mal kommt (Routine-Prüfung oder nach Vorfall), hast du in 5 Minuten alles bereit. Empfehlung: Cloud-Ordner mit klarer Struktur:

/Arbeitsschutz/
  /Gefährdungsbeurteilungen/
  /Mitarbeiter/
    /[Name]/
      /Qualifikationen/
      /Unterweisungen/
      /Vorsorge/
  /PSA/
    /[Mitarbeiter]/
      /[Seriennummer]/
  /Maschinen/
    /[Maschine]/
      /Prüfungen/
  /Unfälle/
    /[Datum]/

Was du jetzt machen solltest

Eine Mini-Checkliste in der Reihenfolge, in der du sie abarbeiten solltest:

  • ☐ Bestandsaufnahme: Welche Scheine/Prüfungen liegen für welchen Mitarbeiter vor? Wann laufen sie ab? Tabelle erstellen.
  • ☐ Gefährdungsbeurteilung prüfen — letzter Stand älter als 2 Jahre? Aktualisieren mit T-O-P-Maßnahmen.
  • ☐ Jährliche Unterweisung im Kalender festsetzen — mindestens einmal pro Jahr, mit Unterschrift dokumentiert (digital oder Papier).
  • ☐ PSA-Prüfung durch sachkundige Person (TRBS 1203) beauftragen, falls letzter Termin > 12 Monate her.
  • ☐ Maschinen-Wartungs-Plan aufstellen: Welche Maschine, welches Intervall, wer prüft. Hubsteiger-TÜV-Termine im Kalender.
  • ☐ G41-/G25-Vorsorge für alle Höhenarbeiter aktuell? Falls > 36 Monate her: Termin beim Betriebsarzt.
  • ☐ SVLFG-Sammel-Akt anlegen — Cloud-Ordner mit klarer Struktur, damit im Ernstfall in 5 Minuten alles vorliegt.
  • ☐ Auftrags-GBU-Vorlage entwickeln: 5-10 Punkte Standard-Check, der bei jedem Auftrag schnell durchgegangen wird. Mehr zur Doku-Disziplin in Mobile App auf der Baustelle.
  • ☐ Versicherungs-Check: Reichen die D&O-Versicherung und die Berufshaftpflicht für deinen Risiko-Bereich?

Wie Werkheft das löst

Werkheft ist keine komplette Arbeitsschutz-Verwaltung — aber die Gefährdungsermittlung vor dem Einsatz (Pflicht nach §5 ArbSchG / DGUV V1 §3) ist als eigener Ablauf eingebaut:

Gefährdungsermittlung pro Projekt. Vor der Baustelle legst du eine Ermittlung an: Gefahren aus der FLL-/DGUV-Bibliothek ankreuzen, Schutzmaßnahmen (vorausgefüllt, editierbar), durchzuführende Arbeiten, Einsatzort, Aufsichtführender, Rettungspunkt, Notfallplan.

werkheft.de
Werkheft Gefährdungsermittlung mit Gefahren-Auswahl und Personal
Screenshot: Gefahren, Maßnahmen, eingesetztes Personal mit Zertifikats-Häkchen — als PDF freigegeben.

Personal mit Qualifikations-Häkchen. Pro eingesetzter Person kreuzt du die vorhandenen Nachweise an (FISAT, PSAgA, SKT A/B, AS-Baum, G41, Erste Hilfe …) und lässt sie unterschreiben — der Unterweisungs- bzw. Einsatznachweis für genau diesen Einsatz.

Freigabe + PDF. Ist alles erfasst und unterschrieben, wird die Ermittlung freigegeben und ist danach unveränderbar. Als PDF für die Akte.

Wiederverwendung. Beim nächsten Einsatz im selben Projekt übernimmt Werkheft Personal, Gefahren und Einsatzdaten als Vorlage — Datum und Unterschriften sind neu.

Was Werkheft nicht macht: eine dauerhafte Personalakte mit Zertifikats-Ablaufdaten und Vorab-Erinnerungen, ein Maschinen-Prüfregister, ein Unterweisungs-Modul oder einen fertigen SVLFG-Sammelakt-Export. Dafür brauchst du zusätzlich eine Arbeitsschutz-Software oder eine gepflegte Ordnerstruktur.

Details: Software für Baumpfleger

Häufig gestellte Fragen

Was ist die DGUV Regel 114-610?

Eine Branchen-Regel der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung für "Grün- und Landschaftspflege". Seit Juni 2020 in Kraft, ersetzt die alte Regel 114-017. Sie konkretisiert Arbeitsschutz-Anforderungen für Gärtner, Landschaftspfleger und Baumpfleger. Bei reiner Forstarbeit gilt ergänzend oder ausschließlich die DGUV Vorschrift 50 (UVV Forst).

Welche Dokumente muss ein Baumpflege-Betrieb führen?

Sechs Klassen: Gefährdungsbeurteilung (§5 ArbSchG, fortlaufend), jährliche Unterweisungs-Nachweise mit Unterschriften (§12 ArbSchG), Qualifikations-Zertifikate (Motorsäge, SKT-A/B, AS-Baum, Erste Hilfe, Sachkunde Pflanzenschutz), PSA-Prüfprotokolle nach TRBS 1203 (jährlich), Maschinen-Prüfungen nach DGUV V3 und 100-500, arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen (G41 für Höhenarbeit alle 36 Monate, G25, G42 nach Bedarf).

Wie oft muss PSA geprüft werden?

Mindestens jährlich durch eine sachkundige Person nach TRBS 1203. Pflicht ist die schriftliche Dokumentation mit Datum, Prüfer, Hersteller/Modell/Seriennummer und Ergebnis (frei/Mangel/aussondern). Foto-Dokumentation kritischer Punkte empfohlen. Bei Verletzung mit nicht-geprüfter PSA droht der Regress der BG fast garantiert — dokumentierter Fall 2022: 312.000 € Regress wegen 14-Monate-Versäumnis.

Wann muss SKT erneuert werden?

SKT-A und SKT-B Zertifikate (Seilklettertechnik) müssen alle drei Jahre erneuert werden. Die Auffrischung erfolgt durch SVLFG-anerkannte Bildungsträger (DEULA, Forstkasse, FLL-zertifizierte Schulen). Wer mit abgelaufenem Schein arbeitet, ist im Schadensfall ohne Versicherungsschutz — dokumentierter Fall 2020: 847.000 € Regress nach tödlichem Sturz ohne gültiges SKT.

Was passiert bei einem Unfall ohne saubere Dokumentation?

Drei Stufen: Beitragserhöhung im Folgejahr (BG-Bonus/Malus, oft +30-50 % über mehrere Jahre), BG-Regress nach §110 SGB VII für Behandlungs- und Rentenleistungen (dokumentierte Fälle: 80.000-850.000 €), und strafrechtliches Verfahren gegen den Unternehmer persönlich nach §§222, 229 StGB wegen fahrlässiger Körperverletzung oder Tötung. Bei Todesfällen ist die Strafverfolgung Standard, §13 OWiG macht den Unternehmer auch bei Delegation haftbar.

Wie organisiere ich die Arbeitsschutz-Dokumentation effizient?

Pro Mitarbeiter einen digitalen Ordner mit allen Scheinen, Prüfungen, Unterweisungen — inkl. Ablaufdaten und 4-12-Wochen-Vorab-Warnung. Pro Maschine ein Wartungsplan mit nächstem Prüf-Termin. Pro Auftrag eine GBU-Kurzfassung im Arbeitsbericht. Einmal jährlich ein Schutz-Tag mit allen Mitarbeitern für Unterweisung, PSA-Check, Auffrischung. SVLFG-Sammel-Akt-Folder in der Cloud für Ein-Klick-Bereitstellung.

Was ist der Unterschied zwischen AS-Baum I und SKT-A?

AS-Baum I ist eine FLL-Qualifikation für Baumpflege-Fachkompetenz (mehrwöchige Ausbildung mit Theorie und Praxisprüfung) — der zertifizierte Baumpfleger. SKT-A ist eine reine Sicherheits-Qualifikation für die Seilklettertechnik (5 Tage) — anerkannt durch SVLFG. Wer Baumpflege im Auftrag macht, sollte beide haben: AS-Baum für die fachliche Beurteilung, SKT für die sichere Ausführung. AS-Baum II (European Tree Worker) und ETT (European Tree Technician) sind höhere Stufen.

Welche Vorsorgeuntersuchungen sind für Baumpfleger Pflicht?

G41 (Arbeiten mit Absturzgefahr) ist Pflicht für SKT-Tätige und Hubsteiger-Bediener — alle 36 Monate, erweiterte Untersuchung mit Kreislauf, Sehkraft, Schwindel-Test. G25 (Fahr-/Steuer-/Überwachungstätigkeit) für LKW- und Kran-Fahrer alle 36-60 Monate. G42 (Infektionsgefahr) bei EPS-Risiko, Tetanus, Borreliose. G20 (Lärm) bei Motorsägen-Einsatz über 85 dB. Pflicht-Vorsorge ist nicht freiwillig — wer sie verweigert, darf die Tätigkeit nicht ausführen.

Haftet der Unternehmer persönlich auch bei Delegation an Vorarbeiter?

Ja, nach §13 OWiG. Selbst wenn der Unternehmer den Arbeitsschutz an einen Vorarbeiter delegiert hat, haftet er bei mangelnder Kontrolle persönlich. Delegation entlastet nicht — Aufsicht muss nachweisbar erfolgt sein. §130 OWiG (Aufsichtspflicht-Verletzung) sieht Geldbußen bis 1 Mio. € vor. Strafrechtlich §§222, 229 StGB bleiben anwendbar. Dokumentation der Aufsichtsmaßnahmen (Schulungen, Kontrollen, Korrekturen) ist das einzige wirksame Schutzinstrument.

Wie viele Baumpflege-Unfälle gibt es pro Jahr in Deutschland?

Die SVLFG meldet für 2023 in der Baumpflege 2.847 meldepflichtige Arbeitsunfälle (Ausfall > 3 Tage), davon 11 tödliche. Hauptursachen: Absturz aus Bäumen 38 %, Schnittverletzungen 24 %, getroffen durch fallende Äste 18 %, Stolpern 11 %, Maschinen-Quetschungen 5 %. 23 % der ermittelten Unfälle wiesen Dokumentations-Mängel auf, die zu Regress-Verfahren führten. Durchschnittliche Behandlungskosten pro schwerem Unfall: 80.000-150.000 €.

Welche Dokumente will die SVLFG bei einer Routine-Prüfung sehen?

Standard-Anforderung: Gefährdungsbeurteilung für alle Tätigkeiten, Unterweisungs-Nachweise letzte 12 Monate, Qualifikations-Zertifikate aller Mitarbeiter mit Ablaufdaten, PSA-Prüfprotokoll letzte 12 Monate, Maschinen-Prüfprotokolle (Hubsteiger-TÜV, Motorsäge etc.), G41/G25-Vorsorge-Nachweise, Erste-Hilfe-Ausbildung. Bei Vor-Ort-Termin werden auch konkrete Maschinen geprüft. Wer alles in 5 Minuten vorlegen kann, kommt meist mit Hinweisen davon — wer in fünf Ordnern sucht, eskaliert oft zu Beanstandung mit Folgen.

Gilt für GaLaBau ohne Baumpflege auch die DGUV 114-610?

Ja, die DGUV 114-610 deckt die gesamte Grün- und Landschaftspflege ab, nicht nur Baumpflege. Für reine GaLaBau-Tätigkeiten ohne Bäume gelten die Kapitel 3.1-3.8 (Allgemeines, Motorbetriebene Handmaschinen, Maschinen-Bedienung). Höhenarbeits-Kapitel 3.9 gilt zusätzlich bei Hangsicherungs-/Schräglagen. Wer GaLaBau und Baumpflege parallel macht, braucht das Gesamtregelwerk.

Quellen

Hinweis: Arbeitsschutz im Baumpflege-Gewerbe ist komplex und ändert sich. Bei Aufnahme neuer Tätigkeiten (z.B. Gefahrgut, neuer Maschinen-Typ, Einsatz im Verkehrsraum) zeitnah Gefährdungsbeurteilung anpassen und mit der zuständigen BG (meist SVLFG für GaLaBau/Baumpflege) Rücksprache halten. Die genannten Regress- und Strafrechts-Beispiele basieren auf öffentlich dokumentierten Fällen — Einzelfälle können erheblich abweichen. Stand der Statistik: SVLFG-Jahresbericht 2023.

Foto von Benjamin Krug

Über den Autor

Benjamin Krug

Benjamin Krug ist Gründer von Werkheft. Seit über 10 Jahren entwickelt er Software — heute speziell für Solar- und Baumpflege-Betriebe in Deutschland. Werkheft entstand aus der Beobachtung, dass kleine Handwerksbetriebe zwischen Excel-Tabellen und überdimensionierten ERP-Systemen keine passende Lösung finden. Sitz: Augsburg.

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